Bergheu machen hiess früh aufstehen.

Bernhard Tönz ca. 1975
Bernhard Tönz ca. 1975 © privat

Warum hast du als Sohn des Lehrers den Bauernberuf ergriffen?

Ja, mein Vater war nicht nur ein guter Lehrer, er war auch ein guter Bauer. Er hatte grosses Interesse gehabt am Vieh, war immer an Viehausstellungen und war ein begeisterter Heuer. Er hat mich bei der Berufswahl beeinflusst. Mein Vater hatte „propi“,  d.h. Freude an der Landwirtschaft.

Unsere Landwirtschaft hatten wir vom „Ena“ (Grossvater mütterlicherseits) übernommen. Solange es die Kräfte erlaubten, gehörte sie dem „Ena“. Mein Vater hatte einfach tüchtig mitgeholfen. Nach dem der „Ena“ nicht mehr mochte, hatte zuerst mein älterer Bruder im Winter gefüttert, bis ich aus der Schule gekommen war. Meinem Bruder Franz hatte das gar nicht gefallen. Er hatte das einfach so gemacht, ohne „Faschtidi“ (Lehnwort aus dem Italienischen: Sorgfalt) und Freude. Nachher habe ich dann dasFüttern übernommen. Mit der Halbjahresschule hatte mein Vater noch viel Zeit, um mitzuhelfen oder um Ämter in der Gemeinde zu übernehmen.

Wiesen und Weiden hatten wir, wie alle andern auch, fast im ganzen „Vallertälli“. Auf der Schattenseite (rechte Talseite) hatte ich die Güter „Scherragada“ und „Scherrahalta“. Bei einem schlechten Sommer – wenn’s wenig Heu gab – ging ich dann noch „z Bäärg“ (Wildheuen), in die Heuberge „Fluatach“ und „Arvelti“. Auf der Sonnenseite (linke Talseite) ging es über Geud, Boden, Lossa, Rischeili hinauf zum Obersten Gada. Dann zog ich mit der ganzen Familie aufs Mäiensäss Matta (Flurname: Maiensäss von Bernhard Tönz, linke Talseite). Von dort aus ging ich dann immer wieder „z Bäärg“. Bergheu habe ich im Böörtliband, Brand, Alpbüel und Fronnaband (Flurnamen von Heubergen auf der linken Talseite) gemacht.

Heinzen, Zerfreila, 1934
Heinzen, Zerfreila, 1934 © Sammlung DRG, Fototeca dal DRG

Das Heuen war zu meiner Zeit eine strenge Arbeit, alles Handarbeit. Wir hatten noch keine Heubelüftung. Ich arbeitete viel mit Heinzen. Etwas später habe ich dann einen Motormäher , Marke „Irus“, gekauft. Er wog ca. 70 Kg, man konnte ihn auf dem Rücken von Stall zu Stall tragen. Fahrwege gab es noch keine. Im Dorf spöttelte man über den „Irus“, er sei wohl eher für den Garten gemacht und nicht für die steilen Hänge in Vals. Dies bewahrheitete sich auch: Im gröberen Gras lockerten sich immer wieder Schrauben, so dass der „Irus“ zeitweise mehr in der Garage war als auf dem Feld. In diesen Situationen musste ich wieder zur bewährten Sense greifen.

Wildheuen im Sommer

Im Fronnaband habe ich jedes Jahr Bergheu (Wildheu) gemacht. Der Sommer 1963 war besonders streng, wir erwarteten Nachwuchs und deshalb fiel meine Frau als Arbeitskraft aus. Ich habe dann vor allem mit meinem Neffen Ruedi geheuet. Bergheu machen hiess früh aufstehen. Um vier Uhr – es war noch dunkel – habe ich meistens mit Mähen begonnen. Am Gürtel habe ich eine Taschenlampe befestigt, damit ich sehen konnte, wo ich mähte. Um sieben Uhr bereitete ich beim Dachli das Frühstück vor, bis mein Neffe im „Heubett“ erwachte. Nach dem Frühstück zetteten wir gemeinsam das frischgemähte Bergheu und haben es für den Nachmittag mit dem Rechen bereits schon etwas zusammengezogen. Das Mittagessen nahmen wir wieder bei der Kochstelle vor dem Dachli ein. Nach einer kurzen Ruhepause brachten wir am Nachmittag das dürre Bergheu ein. Es wurde im Dachli (Heuschober) gelagert. Am Abend legten wir uns todmüde ins Bergheu zum Schlafen. So ging das, je nach Wetter, eine ganze Woche lang. Im Dorf hat man dann schon munkeln gehört, ob Bauern noch nie etwas von Familienplanung gehört hätten.

Schleifschlitten für Heubürden, Peil, 1946
Schleifschlitten für Heubürden, Peil, 1946 © A. Schortas, Fototeca dal DRG

Heuziehen im Winter

Mit 17 Jahren habe ich angefangen, Heu zu ziehen. Von meinem „Ettera“ (Onkel) konnte ich viel lernen. Bereits beim Aufstieg ins „Arvelti“ (Flurname für Heuberg im Peiltal) redeten wir über die Schneeverhältnisse und wo wir den Schleif am besten anlegen könnten. Als wir die vier „Bürdeli“ gemacht hatten, gab mir der „Ettera“ den Befehl, zwei aneinanderzubinden und sie allein den steilen Hang hintersausen zu lassen. Ich traute diesem Vorhaben nicht ganz. Er meinte, sie blieben dann unten schon stehen und wir könnten sie dort wieder zur Hand nehmen. Dem war aber nicht so. Sie sausten weiter hinunter als angenommen. Sie kamen dann doch noch zum Stillstand. Mit deutlichem Mehraufwand erreichten wir schliesslich das Ziel „Scherragada“ um 15.00 Uhr trotzdem.

Nach meiner Heirat habe ich dann mit meinen Schwägern Heufassen und Heuziehen geübt. Wohnhaft auf Leis, waren sie näher an den Heubergen und über Wochen beinahe täglich unterwegs, für sich selber, aber vor allem auch für andere Bauern. Sie waren Heuzieher im Akkord. Sie verdienten so einen kleinen Zustupf (Zusatzverdienst). während der Monate Januar/Februar/März. Oft war ich dann auch mit ihnen unterwegs.

Bernhard Tönz mit Sohn Heinrich beim Heuziehen ca. 1975
Bernhard Tönz mit Sohn Heinrich beim Heuziehen ca. 1975 © privat

Wenn Heuziehen angesagt war, ging ich bereist um 03.30 Uhr das Vieh füttern, kam dann mit der Milch ins Dorf. Etwa um 07.15 Uhr stieg ich wieder hoch, überwand in ca. zwei Stunden eine Höhendifferenz von 700 m bis zum Heubergdachli. Am ersten Tag, wenn noch kein Fussweg gestampft worden war, hatten wir auch länger. Etwa um 10.00 Uhr begannen wir mit dem Heufassen. Zuerst wurde das Fassbett geschaufelt. Vor dem Dachli wurde Schnee weggeschaufelt und zu einem flachen „Bett“, dem Fassbett, gestampft. Je nach Wetterlage mussten wir auch Schnee aus dem Dachli räumen. Auf dem Fassbett wurde dann das Heuseil nach bestimmten Kriterien ausgebreitet. Derweil war ein Mann bereits mit Heuschroten beschäftigt. Die beiden andern Heuzieher trugen dann gemeinsam „Bergheu-Pletschen aus dem Dachli und schichteten diese übereinander auf dem Heuseil. War genügend Heu aufgeschichtet, wurde es mit dem Heuseil fachmännisch zu einem „Bördeli“ zusammengeschnürt. Zuletzt wurde es jeweils gekämmt, damit beim Heuziehen ja kein Heu im Schleif zurückblieb. Dann kam das nächste an die Reihe. Im Normalfall wurden pro Heuzieher zwei „Bördeli“ gefasst.

Beim Heuziehen gab es in der Praxis vor allem drei Techniken: Bei flacherem Gelände, wo man ziehen musste, war der Heuzieher selbstverständlich vorne dran; In steilerem Gelände, wo die „Bördeli“ von alleine sausten, gab es Heuzieher, die sich an der Seite festhielten, wenn es gar steil war, gab es welche, die sich hinten anlehnten und am Seil festhielten. Je nach Gelände und Schneeverhältnisse führte die Ziehtechnik immer wieder zu Diskussionen unter Heuziehern.