Das Kirchweihfest war eines der wichtigsten Festlichkeiten

Hermina Alig
Hermina Alig © Gieri Antoni Caviezel

Der Kirchgang gehörte zur Tradition. Wie sah ein normaler Sonntag aus?

Am Sonntag-Morgen wurde Gottesdienst gefeiert, nach dem Mittagessen Vesper und abends wurde Rosenkranz gebetet. Zur Kirche zu gehen war Pflicht, sonst war der Vater nicht zufrieden. Während der Schulzeit fand jeden Tag um 7:30 Uhr die Schulmesse statt.

Wie oft fand eine Prozession statt?

Im Sommer wurde jeden Sonntag eine Prozession durchgeführt. Auf das ganze Jahr verteilt waren es etwa 30. Die längste Wegstrecke bildet noch heute diejenige zu Gion da Vanescha. Früher gingen wir auch noch nach Surin und Sogn Giusep, und die Lumbreiner kamen nach Vrin. Bei Trockenperioden oder bei einer langen Regenphase erhoffte man sich Besserung durch eine Flur-Prozession.

Prozession Kirchweihfest / Processiun da perdanonza
Prozession Kirchweihfest / Processiun da perdanonza © privat

Gab es damals Leute, welche die Kirchenmesse nicht besuchten?

Kaum. Nur ein oder zwei Originale.

Prozession in Vrin Crusch
Prozession in Vrin Crusch © privat

Welches waren die wichtigsten Feiertage?

Einer der wichtigsten war nebst anderen der Samichlaus. An diesem Tag gab es Geschenke, nicht etwa an Weihnachten. Jedes Kind bekam etwas Brauchbares wie zum Beispiel ein Paar Schuhe. Meine Mutter backte immer einen Zopf und Erdnüsse wurden aufgetischt – andere Nüsse waren zu teuer – sowie vielleicht noch einen Apfel. Später gab es dann Orangen und Mandarinen. An Weihnachten haben wir den Weihnachtsbaum geschmückt und dessen Kerzen am Abend angezündet. Dann mussten wir vor dem Baum hinknien und beten. Um Mitternacht war Gottesdienst.

Wie feierten Sie Neujahr?

Es war Brauch für die Kinder reihum das Neujahr in allen Häusern anzuwünschen und eine Gabe zu erbitten. Man bekam jeweils fünf oder zehn Rappen pro Haushalt.

Durften Sie das Geld behalten oder mussten Sie dieses zu Hause abgeben?

Die Eltern verfügten über eine Kasse aus Eisen mit Schlüssel. Das eingenommene Geld – höchstens sieben Franken – kam in diese Kasse und danach auf ein Bankkonto.

Welche Speisen wurden am Kirchweihfest aufgetischt?

Das Kirchweihfest war eines der wichtigsten Festlichkeiten. Es gab jeweils Schweinsvoressen mit Kartoffelbrei, Kartoffeln oder Reis, ein bisschen grünen Salat und eine Crème mit Kuchen.

Die Kirche hatte einen grossen Einfluss auf die Familien?

Man musste zur Kirche gehen und wenn man heiratete auch Kinder haben. Als Jugendliche waren wir doch recht eingeschränkt. Buben und Mädchen durften grundsätzlich nicht miteinander spielen.

Wie stand es mit Tanzen?

Zu Hause haben wir oft getanzt. Wir besassen einen Plattenspieler und einige Platten. Sonst war Tanzen grundsätzlich verboten, mit Ausnahme einiger spezieller Anlässe.

Dorfansicht Vrin
Vrin © C. Meisser, Staatsarchiv Graubünden

Die Jungmädchen mussten einigen speziellen Pflichten nachkommen?

Für gewisse Festlichkeiten haben wir Kränze hergestellt. Zudem musste die dafür getragene Trachtenkleidung gepflegt werden. Am Sonntag waren wir verpflichtet, eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes in die Kirche zu gehen, um den Rosenkranz zu beten. Dann gab es das Totenoffizium, eine besondere Gebetsequenz für Verstorbene; das Offizium für die Muttergottes und auf Wunsch wurde auch für Todkranke gebetet. Eine weitere Pflicht der Jungmädchen bestand darin, die Kirche zwei Mal im Jahr gründlich zu putzen.

Was geschah in der Gemeinde, wenn jemand starb?

Zuerst wurden die Glocken geläutet. Wer genau gestorben war, machte rasch die Runde. Abends beteten wir den Rosenkranz für die Verstorbenen. Es gab Leute, welche die ganze Nacht beteten und Totenwache abhalteten. Damals und noch viele Jahre länger, wurden die Verstorbenen bis zur Beerdigung drei Tage zu Hause aufgebahrt. Von Tgamanada oder den anderen Weilern wurden die Toten bis zur Kirche in Vrin getragen und von einer Prozession begleitet.